Lebendig sein
Als ich heute aufgewacht bin, war mein Herz zutiefst traurig. Ich hörte die Vögel zwitschern, die den Frühling ankündigten und die Sonne strahlte durch das Fenster. Doch im Hintergrund hörte ich das Geräusch von Motorsägen. Ich vermutete bereits woher es kam, was sich dann auch bestätigte. Hinter dem Haus, in dem ich wohne, war ein wunderschöner Heckenstreifen mit Bäumen und Sträuchern. Fast jeden Morgen kamen die Rehe dorthin um zu fressen. Doch nun waren die Motorsägen dort. Wenn ich an den Lebensraum dachte, der zerstört wurde, stiegen mir die Tränen in die Augen. So wollte ich das nicht stehen lassen.
Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe und ging zu den Leuten, die dort arbeiteten. Ein älteres Paar war dort. Der Mann war mit der Motorsäge beschäftigt, während die Frau die Äste wegräumte. Ich ging auf sie zu und stellte mich vor. Dann fragte ich, woher sie kämen und warum sie die Hecken umschneiden. Weil sie sich inmitten einer landwirtschaftlichen Fläche befinden, war die Antwort. Der Besitzer habe die Fläche darüber und diese darunter gepachtet, die Hecken und Bäume würden nun im Weg stehen.
Ich sagte, dass ich es total schade finde wenn die Hecken umgeschnitten werden. Jeden Tag kämen die Rehe hierher und unzählige andere Tiere würden hier wohnen. Die hätten doch rundherum im Wald auch Platz, meinte die Frau. Der Mann nahm mich gar nicht wahr, so beschäftigt war er mit der Motorsäge. Ich fragte sie, ob ihr aufgefallen ist, dass auch rundherum Wald abgeholzt wird und dass wenn überall so viele Bäume gefällt werden, dies Auswirkungen auf uns hat. Die Frau sagte, dass das aufgrund der Digitalisierung gar nicht anders geht, da sie sonst keine Förderungen bekämen, wenn nicht eine bestimmte Fläche nachgewiesen werden kann. Beim Digitalisieren werden sämtliche Landwirtschaftsflächen von oben fotografiert. Dann gibt es genaue Bestimmungen, was mit der jeweiligen landwirtschaftlichen Fläche geschehen soll.
Die ältere Frau brachte noch irgendwelche Argumente hervor, doch sie hätte alles Mögliche sagen können, all das konnte nicht entschuldigen, dass sie gerade dabei waren Bäume zu fällen, die älter waren als sie selbst. Ich spürte eine tiefe Trauer in meinem Herzen und fühlte mich total unverstanden und ungehört. So drehte ich mich einfach um und ging fort. Bei einem Baum machte ich Halt und legte die Hände auf seinen Stamm. Ich konnte das Leben in ihm spüren, was mich noch trauriger machte. Ich entschuldigte mich bei ihm und bei allen anderen dort, dass wir Menschen noch immer so ignorant sind. Tränen flossen über meine Wange und ich ging mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück.
Dann klingelte das Telefon, es war die Landwirtschaftskammer. Ich habe mich per E-Mail informiert über das Abholzungsgesetz, da überall in der Umgebung große Waldflächen einfach abgeholzt wurden. Der freundliche Herr hat mich zurückgerufen und weitervermittelt. Endlich bei der zuständigen Person angelangt fragte ich nach den Heckenschutzbestimmungen. Ja, sie würden unter Schutz stehen, meinte der Mann am anderen Ende der Leitung. Aber es gäbe eine Sonderregelung, dass wenn diese sich auf landwirtschaftlichen Nutzflächen befinden, abgeholzt werden dürfen. Ich sagte, dass sich das ja widersprechen würde. Ich meinte, dass wir sehen sollten, dass unsere Kinder keine Luft mehr hätten, wenn dann keine Bäume mehr da wären. Er sagte, das wäre eine Wertung meinerseits und er könne es sich nicht leisten, emotional zu werden. Ihre Aufgabe sei es, dafür zu sorgen, dass das Gesetz eingehalten wird. Und das ist nun mal Gesetz, auch wenn er mir vielleicht zustimme.
Dieses Erlebnis hat mich an etwas erinnert. Es ist sehr viel Trauer aufgetaucht, die ich von der Kindheit kenne. Trauer über den respektlosen Umgang mit Leben, die keiner zu verstehen scheint. Gefühle scheinen in der heutigen Zeit keinen Platz zu haben. So seinen die Dinge nun mal, war damals schon die Antwort der Erwachsenen.
Doch je mehr Zeit ich draußen verbringe und je mehr ich lerne von der Natur, je mehr Freunde ich finde in den Bäumen und Tieren der Wälder, desto mehr weiß ich, dass diese Trauer Berechtigung hat. Gerade heute, wo von allen Seiten die Klimafrage diskutiert wird und man in allen Richtungen Aufklärungsarbeit macht darüber, dass alles zusammenhängt, wundert es mich, warum nicht mehr Menschen umdrehen und ihr Leben in eine andere Richtung bewegen. Was ist los mit uns, dass wir diese einfachen und logischen Zusammenhänge nicht verstehen? Wo ist unsere Naturverbindung hingekommen?
Es ist so offensichtlich, dass es Zusammenhänge gibt zwischen der fehlenden Verbindung mit der Natur und den leeren Augen der Menschen. Diese vielen so genannten Zivilisationskrankheiten, Depressionen, Burnout-Syndrom, Müdigkeit und Schwäche, Süchte und Abhängigkeiten und vieles andere, sind nichts anderes als Auswirkungen davon, dass uns unsere Geburtsrechte abhanden gekommen sind. Sie wurden uns weggenommen. Es gehört zu unserem Geburtsrecht, gesund und glücklich zu sein.
Wie gut fühlt sich die Trauer an! Ja, ich fühle mich und ich fühle, dass ich Teil von dem Ganzen da bin. Das tut weh in dieser heutigen Zeit, aber im selben Moment erinnere ich mich an die Intensität des Gefühles der Liebe, welches Teil des Verbundenseins ist. Ich erinnere mich an die schönen Momente, an all die magischen Augenblicke und sehe, dass es sich lohnt zu fühlen, am Leben zu sein. Damit wir uns wirklich grundlegend und nachhaltig ändern können, um gemeinsam mit der Erde zu leben und nicht gegen sie, müssen wahrscheinlich viel mehr Menschen ihre Naturverbindungen stärken. Dann braucht es keine Naturparks mehr oder Naturschutzgebiete, keine gesetzlichen Bestimmungen und keinen Druck von außen, weil die Menschen dann Handlungen, die ihnen selbst oder anderen Schaden zufügen, ganz von selber unterlassen und ganz von selber Dinge tun, die Freude bereiten und zur Heilung beitragen. Warum also zögern?
Warum nicht ein Leben in Dankbarkeit und Verbundenheit leben?
Es ist so einfach…