Verirrt ?
Der Frühling hatte sich angekündigt und der Schnee war beinahe geschmolzen. Es war für Februar ein warmer Tag und der Wind war in starker Präsenz spürbar.
Meine Mutter und ich beschlossen, der alten Eiche einen Besuch abzustatten. Sie ist ein unglaublich kraftvoller Baum, der schon seit über tausend Jahren lebt.
Wir fuhren also dorthin, stiegen aus dem Auto und machten uns auf dem Weg Richtung Westen, zur Eiche, die wir direkt vor uns sahen. Südlich von uns war ein großer Wald zu sehen, mit Laub- und Nadelbäumen, Sträuchern und Hecken, kleinen Sümpfen und Moosen. Nördlich vom Baum war ein altes Bauernhaus und da die Eiche auf einem Hügel steht, konnte man weit auf die unterhalb liegende Ebene sehen. Die grauen Wolken in dieser Richtung färbten im Kontrast zu dem Blau über uns den Himmel. Vögel zwitscherten und auch der Wind war zu hören, wie er die Blätter und Nadeln der Bäume streifte.
Schritt für Schritt, ganz langsam gingen wir auf die Eiche zu und ich spürte, wie ich in eine Art warme Hülle eintauchte, die von ihr ausstrahlte. Dort angekommen begrüßte ich sie und bewunderte die tiefen Rillen in ihrer Rinde, die unglaublich viele Geschichten erzählen kann. Ich lehnte mich gegen den Stamm und genoss das Gefühl der Verbundenheit, welches an diesem Ort immer so stark zu spüren ist.Dann beschlossen wir, ein Stück in den Wald zu gehen und danach noch einmal zur Eiche zurück zu kommen. Wir folgten einen Weg in Richtung Westen. Der Wald lag südlich von uns und erstreckte sich weiter vorne nach Westen, so dass wir dem Weg folgend direkt in dieses Meer von Bäumen eintauchen konnten. Es war ein unglaublich schöner, großer Wald. Bäume, die den Eindruck erweckten, als würden sie tanzen, am Boden verschiedenste Moose, die in sattem Grün leuchteten und umgefallene Baumstämme, die Lebensraum für unzählige kleine Tiere waren. Außer dem Wind und unseren Schritten war nichts zu hören. Langsam gingen wir dem Weg entlang und mir kam vor, ich konnte die Lebendigkeit von allem intensiv spüren.
Nachdem ich ein bisschen vorausgegangen war und um eine Kurve ging, sprang plötzlich ein Reh rechts von mir in etwa drei Meter Entfernung aus dem Gebüsch, querte den Weg und lief links in den Wald davon. Ich folgte dem Reh und auch meine Mutter verließ den Weg und folgte mir in den Wald. Fasziniert von allem, was wir sahen, schlichen wir ganz langsam und staunend dahin. Moose in verschiedensten Formen, vertrocknete Gräser, verschlungene Wurzeln und immer wieder sumpfige Löcher, an deren Wasseroberfläche der wunderschöne Wald gespiegelt war.
Ich hielt meine Hände mit der Handfläche nach unten offen über dem Boden und es war, als würden sie mit ihm kommunizieren. Manchmal spürte ich Bewegungen, ein Prickeln in den Handflächen oder die Wärme vom Boden unter mir.
Irgendwie zog es mich nach links, während meine Mutter nach rechts unterwegs war. Ich gab dem Gefühl nach und ging in diese Richtung. Immer wieder waren Vögel zu hören, die mich dazu ermunterten, dieser Richtung zu folgen.
Nach einiger Zeit kam ich an einen Platz, an dem ein kleiner Bach durch den Wald floss. Er war nicht sehr tief und hatte eine leichte Strömung mit klarem Wasser. Das Ufer war gesäumt von einer dicken Moosschicht. Das Bächlein war umgeben von Bäumen und ein bereits vertrockneter Stamm eines umgefallenen Baumes ragte bis zur Hälfte über das Wasser. Es war ein unglaublich schöner Platz. Ich näherte mich dem Bach und hielt meine Hand über die Wasseroberfläche. Ein kühler Lufthauch schien in meine Hand zu strömen. Alles fühlte sich lebendig an, ich war fasziniert.
Dann ging ich wieder zurück und folgte meiner Mutter, die mich nicht sah. Ich hatte vor, ihr nachzupirschen ohne dass sie es merkte, um meine Aufmerksamkeit zu trainieren. Sie war etwa zehn Meter vor mir, aber der Wald war sehr offen und so konnte ich sie leicht sehen. Doch dann war sie kurz hinter einigen Büschen abgebogen und war aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich folgte der Richtung in die sie ging, doch als ich dort ankam, war sie nicht mehr da. So ging ich wieder einfach dem nach, was ich fühlte und ließ mich leiten von Vögeln, die ich hörte oder einfach darauf, wohin es mir ein gutes Gefühl gab zu gehen. Irgendwann kam ich in ein seltsames Gebiet mit einem kleinen Teich und dichter gewachsenen Bäumen.
Da stellte ich fest, dass ich nun schon sehr tief im Wald war und dass es Zeit war zu schauen, wie ich wieder zurückkomme. Da erinnerte ich mich, dass ich vergessen hatte, auf die Himmelsrichtungen zu achten. Auch vergaß ich, mir so was wie eine innere Landkarte anzufertigen, indem ich mir auffällige Bäume, Sträucher oder sonstiges merkte. Ich war total in den Moment versunken und nun war ich irgendwo.
Gut, dass ich ein Handy dabei hatte, so läutete ich meine Mutter an und fragte, wo sie sei. Wieder bei der Eiche, sagte sie und ich sagte, ich wäre irgendwo im Wald und suche den Weg zurück. Ich erkundigte mich, wo die Sonne von der Eiche aus gesehen stand, die leicht durch die Wolken blickte. Dann schaute ich, wo ich sie sah, um Orientierung zu finden. Die Sonne stand schon fast im Westen, es war später Nachmittag. Ich ging Richtung Nordwesten, das müsste der Weg zurück sein. Als ich mich umdrehte, flog ein Bussard in etwa fünf Meter Entfernung durch den Wald und setzte sich auf einen Baum, direkt in die Richtung, in welche ich gehen wollte. Er stieß einige Rufe aus und flog dann Richtung Nordwesten davon. Das war eindeutig die Richtung, in die ich gehen musste. So folgte ich wieder guter Dinge meinem Gespür und den Wegen, die sich mir eröffneten. Da traute ich meinen Augen nicht. Ich kam genau an dem Bach an der Stelle an, wo ich zuvor war. Nur diesmal stand ich auf der anderen Seite. Scheinbar war ich im Kreis gelaufen.
Menschen neigen dazu, wenn sie sich verirren im Kreis zu laufen, erinnerte ich mich an das, was ich in der Natur- und Wildnisschule gelernt hatte. Da wir eine dominante Seite haben, was bei mir scheinbar die rechte Seite war, meinen wir geradeaus zu gehen, doch bewegen uns im Kreis. Lächelnd zog ich mir die Schuhe aus und ging auf die andere Seite des Baches. Vielleicht wollte er einfach, dass ich meine Füße mal dort eintauche, dachte ich mir, während ich die Schuhe auf der anderen Seite wieder anzog und weiterging.
Nun wollte ich mich nicht irritieren lassen und einfach da zurückgehen, von wo ich zuerst gekommen war, als ich das erste Mal an dem Bächlein war. Doch schon nach kürzester Zeit wusste ich, dass ich völlig die Orientierung verloren hatte. Der Himmel war grau geworden und wolkenbedeckt, so wusste ich nicht einmal mehr, wo welche Himmelsrichtung war. Ich bat die Kräfte der Natur darum, mir den Weg zurück zu zeigen und auch die Eiche, dass sie mich zu ihr führen möge.
Das Handy läutete und meine Mutter erkundigte sich nach mir. Ich sagte, ich wisse wirklich nicht mehr, wo ich sei und dass sie bei der Eiche warten solle, es könnte noch eine Weile dauern. Die Situation gefiel mir gar nicht und ich stellte mir vor, wie ich von einem Suchtrupp gesucht werde, weil ich nicht mehr zurückfinde. Superpeinlich! Und das mit einer Ausbildung zur Wildnistrainerin! Nein, da würde ich lieber in der Nacht bleiben und ein kleines Lagerfeuer machen, irgendwann würde ich schon wieder raus finden, aus diesem riesigen Wald. Außerdem war es wunderschön und es machte mir nichts aus, länger zu bleiben.
So wechselten Nervosität und Gelassenheit und ich folgte nach wie vor einfach den Zeichen, die ich bekam. Doch bald glaubte ich es überhaupt nicht mehr. Schon wieder stand ich an demselben Bach, nur diesmal weiter flussabwärts. Ich schrie in den Wald: „Ihr Kräfte da draußen, was wollt ihr von mir? Führt mich aus diesem Wald raus, was soll das? Gebt mir endlich deutliche Zeichen und führt mich da raus!“ Da stiegen Tränen in mir auf und ich ließ ihnen freien Lauf. Ich kniete mich zum Bächlein und beobachtete das Wasser. Die Wolken öffneten sich und die letzten Sonnenstrahlen der Abendsonne erleuchteten die Baumwipfel der höchsten Bäume. Neue Hoffnung überkam mich. Ich folgte dem Bächlein aufwärts, um nochmal zu dem gleichen Platz zu kommen, an dem ich schon zweimal war. Er war mein einziger Orientierungspunkt. Es war kaum zu glauben, nach nur wenigen Metern stand ich da, an exakt demselben Platz. Nun schrie ich ihn an: „Was willst du von mir? Was willst du mir sagen? Sprecht doch endlich mit mir!“ Da wurde es ganz still. Alles schien von mir weg zu fallen und mein Blick veränderte sich. Ich sah alles irgendwie verschwommen und fühlte eine starke Kraft von diesem Ort ausgehen. Nun war ich dreimal hierher gekommen und ich hatte schon beim ersten Mal das Gefühl, dass mir der Platz etwas sagen wollte. Nun konnte ich ihm zuhören, weil ich einfach da war und stehen blieb und geschehen ließ. Nach einer Weile sah ich zwei Rehe auf der anderen Seite des Baches, die sich der Wasserstelle näherten. Sie bleiben kurz stehen und blickten nervös, ich stand ganz still da und machte meinen Blick weit. Dann kam eines der Rehe zum Bächlein ein Stück weiter rechts von mir und begann zu trinken. Es war keine fünf Meter entfernt von mir. Da wurde es doch nervös und die beiden sprangen wieder in den Wald davon. Ich musste lächeln und fragte den Bach: „Darf ich jetzt gehen?“ Nachdem ich ein deutliches Ja in mir spürte, drehte ich mich um, bedankte mich und ging davon.
Nun war ich wieder total in meiner Kraft, wie am Anfang des Weges. Ich wusste genau, wohin ich gehen musste und schon nach einigen Schritten sah ich meine Fußabdrücke im Moos, die ich hinterließ, als ich das erste Mal an dem Platz war. Es dauerte nicht lange, da landete ich genau auf dem Weg, wo das Abenteuer begonnen hatte und ich ging Richtung Osten zur Eiche zurück. Der Himmel war wieder blau geworden und die wenigen Wolken, die zu sehen waren, malten wunderbare Muster in verschiedensten Farben. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit tauchte in mir auf und ich weinte Tränen vor Freude, am Leben zu sein und das Leben so intensiv spüren zu dürfen. Zurück bei der Eiche bedankte ich mich auch bei ihr mit ein bisschen Räucherharz und erzählte die Geschichte meiner Mutter. Hungrig geworden machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause.