Das Wesen der Natur?
Was wir Menschen nicht kennen, vor dem haben wir Angst. Und wenn wir vor etwas Angst haben, fällt es uns leicht, diese Dinge zu zerstören. Wenn wir zu den Dingen und Lebewesen Beziehung aufbauen, lernen wir sie kennen. Wir lernen, sie Wert zu schätzen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Niemals werden wir achtlos mit den Dingen umgehen, die wir zu schätzen gelernt haben. Nie werden wir die Lebewesen willkürlich verletzen, mit denen wir in Beziehung stehen.
Die Natur ist voller faszinierender Wunder. Wenn wir diese Wunder beginnen zu entdecken, wird unser Herz berührt sein von all der Schönheit, die uns umgibt. Doch nicht alle Menschen können diese Schönheit sehen. Viele Menschen scheinen blind zu sein und ihre Herzen scheinen sich verschlossen zu haben, aus welchen Gründen auch immer. Sie erkennen nicht das Leben in all den Wesen, die sie umgeben. Vielen Menschen ist es gar nicht bewusst, was sie tun, wenn sie die Erde als nichts anderes sehen, denn als Quelle für Ressourcen. Nicht, dass wir nichts nehmen dürften von der Erde, die Frage ist WIE wir nehmen.
Achtung und Dankbarkeit entspringt aus der Anerkennung dessen, dass alles lebendig ist. Jedes Lebewesen ist einzigartig in seiner Daseinsform, alles hat seinen Zweck und seinen Sinn im großen Gewebe dieser Erde. Man nennt das Ökologie.
“Der Mensch hat das Netz des Lebens nicht gewebt, er ist nur ein Teil davon. Was immer er dem Netz antut, tut er sich selber an.“ (Chief Seattle)
Indigene, naturnah lebende Völker wissen um diese Zusammenhänge Bescheid. Sie wissen, wie wichtig es ist, dass wir Menschen uns unserer Verbindung mit der Erde bewusst sind. Vielleicht ist gerade dies der Grund, dass sie die Erde Mutter Erde nennen und alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere, Menschen und sogar Steine als ihre Brüder und Schwestern bezeichnen. Man sagt dazu „Animismus“, also den „Glauben“, dass alle Dinge und Lebewesen auf dieser Erde eine Seele haben. Wie auch immer, diese Haltung hilft uns, unserem Planeten auf andere Weise zu begegnen.
Wenn wir die Natur schützen wollen, ist es ein wesentlicher Schritt, mit ihr in Beziehung zu treten. Im weiteren Schritt geht es darum, andere Menschen dazu zu ermutigen, dasselbe zu tun.
Zum Beispiel sitze ich unter einem Baum. Zu diesem Baum gehe ich jeden Tag, oder zumindest regelmäßig hin. Er wächst in der Nähe von da, wo ich wohne. Ich tue nichts weiter, als dort zu sitzen und zu beobachten. Mit der Zeit werde ich die Umgebung kennen lernen. Mir werden die Pflanzen auffallen, die dort wachsen, ich werde die Vögel hören und bald wissen, welche Vögel dort leben. Es werden verschiedene Tiere vorbeikommen, wenn ich ganz still sitze, und sie alle werden mich etwas lehren über den Platz und über die Zusammenhänge der Natur. Manchen Tieren werde ich vielleicht öfters begegnen und vielleicht werde ich zu dem einen oder anderen Tier eine tiefere Beziehung aufbauen. In den Natur- und Wildnisschulen nennt man das „Sitzplatz“. Es ist eines der grundlegenden Werkzeuge, um die Naturaufmerksamkeit zu trainieren.
Es geht in erster Linie darum, draußen zu sein, um mit allem in Kontakt zu kommen. Barfuss laufen, um die Erde kennen zu lernen, in Flüssen zu schwimmen, um das Wasser zu fühlen, den Wind auf der Haut, Sonne und Regen im Gesicht oder die Kälte des Winters zu fühlen. Heute weiß man, dass viele Symptome der westlichen Gesellschaft daher kommen, dass die Menschen zu wenig in Kontakt mit der Natur sind. Vor allem die Kinder der heutigen Zeit sind davon betroffen.
Ein bekannter Forscher und Autor namens Richard Louv erkannte die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Krankheiten und Störungen der heutigen Zeit und dem Mangel an Naturerlebnissen. Er beschreibt diesen Zustand in seinem Buch „Last Child in the Woods“ als „Nature Deficid Disorder“ (Naturmangelsyndrom) und weist hin auf die Notwendigkeit, viel Zeit in und mit der Natur zu verbringen. Dies sei die Grundlage für eine gesunde emotionale, körperliche und mentale Entwicklung.
Doch die Kinder gehen nicht einfach so in die Natur, denn sie haben niemanden, der ihnen die Notwendigkeit zeigt, Zeit dort zu verbringen. Momentan ist die Natur so sehr mit Angst besetzt, dass es selbst den Erwachsenen schwer fällt, die Kinder unbeaufsichtigt draußen spielen zu lassen. Es gibt überall Gefahren- giftige Pflanzen, dreckige Erde, wilde Tiere, Zecken, Tollwut, Sonnenstich, Regen,… Die Natur gilt als unberechenbar, und sie wird auch in den Medien so dargestellt. Auch wenn es Naturschutz gibt, glauben nicht wenige Menschen, vielmehr sich selbst vor der Natur schützen zu müssen. Mit den daraus resultierenden Handlungen schadet der Mensch nicht nur der Natur, sondern auch sich selbst. Doch ist das wirklich das Wesen der Natur? Ist sie es nicht auch, die uns erhält, die uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen? All die Gefahren können uns helfen, unsere eigene Achtsamkeit zu trainieren und im wahrsten Sinne zu bewussteren Menschen zu werden.
Was die Kinder brauchen, ist ein Grund, trotzdem raus zu gehen um Abenteuer zu erleben und mit ihrer natürlichen Umgebung in Beziehung zu treten. Was die Kinder bräuchten, sind Mentoren. Menschen, die ihnen diesen Kontakt mit der Natur im besten Fall vorleben und sie ermutigen, raus zu gehen in die Wälder, zu den Bächen und Seen und an all die spannenden und abenteuerlichen Plätze. Es bräuchte Menschen, die ihnen Rätsel und Fragen mitgeben oder sie mit Aufträgen hinausschicken, die alle dazu dienen sollten, die Kinder mit ihrer Umgebung vertraut zu machen.
Viele Erwachsene scheinen heute „keine Zeit“ mehr zu haben. Doch wir sollten die Notwendigkeit erkennen, uns selbst die Natur wieder vertraut zu machen und auch die Kinder dabei unterstützen, Beziehung aufzubauen. Das ist ein wesentlicher Beitrag zum Naturschutz.
Eine sehr effektive Methode, Kinder für die Natur zu begeistern, ist die Installation eines „Naturmuseums“. Sammeln, verstecken und suchen gehören zu den natürlichen Spielen eines jeden Kindes, das ist überall auf der Welt gleich. Ein Naturmuseum ist so aufgebaut, dass es dort Regale gibt mit Gläsern oder Behältnissen mit verschiedensten Gegenständen und Funden aus der Natur- Knochen, Federn, Steine, Äste, getrocknete Blätter… Am Besten ist es, jedes dieser Dinge hat eine Geschichte- wie und wo es gefunden wurde, wie das Wetter an dem Tag war, was für Erlebnis es zu diesem Fund gab…
Diese Funde faszinieren Kinder im Normalfall immer sehr. Allein die Frage, was das sein könnte, kann spannende Geschichten entstehen lassen. Und natürlich wollen sie selber auch so etwas finden!
Außerdem enthält ein Naturmuseum verschiedenste Pflanzen- und Tierführer. Es macht Spaß, in diesen bunten Büchern herumzublättern. Und ab und zu merkt man sich dann die Dinge ganz automatisch, die drinnen stehen. Und wenn man das nächste Mal diesen schwarzen Vogel sieht mit seinem roten Fleck am Kopf und den weißen Streifen, weiß man gleich, dass es der Buntspecht sein muss, den man letztens in dem Buch entdeckt hat. Oder war es doch der Kleinspecht? War es ein Männchen oder ein Weibchen? Also am Besten nochmal nachschauen…
Weiters ist es sinnvoll, das Naturmuseum mit Schautafeln zu verzieren, in denen zum Beispiel die einheimischen Giftpflanzen dargestellt sind oder die verschiedenen Laub- und Nadelbäume der Umgebung.
All das soll Anreiz sein, dass die Kinder selber hinausgehen, um Dinge zu finden, um Tiere zu sehen oder Abenteuer zu erleben. Am Besten wäre natürlich, dass da noch ein Erwachsener ist, ein Mentor, der selbst verschiedenste, abenteuerliche Geschichten erzählen kann von Erlebnissen, die er draußen hatte. Jemand, der dem Kind die notwendigen Fragen stellt, um die Neugierde zu wecken und dem Kind zeigt, wo es Antworten auf seine Fragen finden kann.
(Daniela Gschösser)